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Hassia
27.06.2018 - 09:44 Wanderfahrt der Altsenioren 2018

Wie man das Obere zum Unteren machen kann und welche Folgen dies hat

Ist „unten“ und „oben“ immer genau definierbar oder doch physikalisch oder soziologisch relativierbar? Aus dem Blickwinkel von Europa liegt Australien down under; über eine solche Feststellung würden sich die Australier bestimmt beschweren.
Auch französische oder russische Revolutionäre haben versucht, die Macht von oben nach unten zu verlagern.

Also, es gibt Beispiele für eine Relativierung, aber einen Fluss kann man eigentlich nicht umkehren, so dass er von der Mündung zurück zur Quelle fließt! So etwas geht einfach nicht, aber „Mann“ kann umdefinieren, dass aus dem Oberen Main ein Unterer Main wird.

Definitionsvehicel hierfür war die Klärung der Frage: Wo gibt es an den Ufern mehr Bootspritschen für ein leichteres Ein- und Aussteigen einer alternden Wanderruder-Mannschaft? Die beiden Organisatoren der diesjährigen Wanderfahrt, Moppel und Schimmel, haben dieses Kriterium jedenfalls offiziell als Begründung bei der ersten Wanderfahrtsbesprechung einer überraschten Gruppe von RKs vorgetragen, doch die versammelten RKs schluckten diesen Coup. Was die wahre Motivation für diese Umdeutung war, dazu gab es nur Vermutungen. Aber vielleicht war die vorgetragene Vorsorge auch echt, denn Schimmel äußerte eines Abends nach einer Ruder-Etappe , auf der er Steuermann war: „Wenn ich so in das Boot gucke, dann frag‘ ich mich : Wer soll denn in 10 Jahren noch mit mir rudern?“

Aber man muss Schimmel im Nachhinein doch Recht geben; sein Argument mit den angeblich fehlenden Pritschen hatte schon „Hand und Fuß“, denn als die Gruppe am ersten Wanderfahrtstag zur Mittagsrast auf dem einzigen Sandstrand der Tour in Großwallstadt über die Bootsspitze auf Händen und Füßen balancierend – die zumeist großen Gesäße in die offene Landschaft streckend – das feste Ufer zu erreichen suchte, war jeder nachträglich überzeugt und erfreut, dass ab jetzt hoffentlich nur noch feste Pritschen erwarten würden. So viel zur Vorgeschichte unserer Wanderfahrt.

Mit Rudolfs freundlicher Unterstützung als Fahrer erreichte die Hanauer Gruppe der Wanderfahrer die gemütlichen Landhotels in Großheubach, wo uns schon die Magdeburger RKs freudig begrüßten. Bei schönstem Wetter hielt es uns nicht lange drin und wir machten uns an die Besteigung des Klosterberges, 612 Sandsteinstufen führten hinauf zum Franziskaner-Kloster Engelberg. „Wir“ ist hierbei etwas ungenau, denn einige ließen sich per Autoshuttle beinahe bis an den Biertisch fahren, während ein harter Kern die vielen Stufen sogar bei angeregter Unterhaltung bewältigten wie z.B. Fredy und Roger. Wieder andere bevorzugten die Besteigung des Klosterberges über den Serpentinenweg.

Im Klostergarten gab es einen kleinen Wurst- und Käsehappen aus klösterlicher Produktion und Schimmel sorgte mittels verteilter Biermarken – bezahlt mit Frankis Genehmigung aus der Wanderfahrtskasse – für einen Getränkenachschub wie bei der Hochzeit zu Kanaan. Dabei blieben wir nicht unbeobachtet!

Die Nachbartische waren besetzt mit älteren Damen einer Reisegruppe, aus der sich vorsichtig eine mutige Dame näherte und uns aufforderte, zu raten, aus welcher Gegend Deutschlands sie wohl käme! Doch Moppel - mit oberfränkischer Wurzeln - erkannte sofort den heimatlichen Zungenschlag. Die Frau war baff; sie wollte dann wissen, wer wir seien, woher wir kämen und warum wir hier seien. Nach und nach kamen noch andere Frauen neugierig dazu. „Die Anderen werden gucken, wenn ich denen erzähle, wer ihr seid“, freute sich triumphierend die ältere Dame, die gewagt hatte, uns zuerst anzusprechen. Nun sage Einer, in Deutschland könne man keine Abenteuer mehr erleben!

Unter freundlicher Verabschiedung verließ die Frauengruppe bald das Lokal und ein Ordensbruder erschien und erkundigte sich ebenfalls, wer unsere Gruppe sei. Wir fühlten uns von dem Mönch gesegnet für unser Tun und tranken und feierten weiter bis zur Schließung der klösterlich betriebenen Schankwirtschaft. Bergab stiegen einige mutig und sowohl standhaft als auch standfest wieder die 612 Stufen hinunter. Andere bevorzugten ihres Zustandes wegen eher den adäquat schlangenlinienartig geführten Wanderweg nach Großheubach zurück zum Gartenlokal unseres Hotels. Bei bestem Maiwetter wurde weiter gefeiert, auch weil wir einen seltenen Gast hatten, Roger Maas aus Südafrika, der schon 30 Jahre lang keine Wanderfahrt mehr gemacht hatte.

Am nächsten Morgen riggerten wir die Boote bei leichtem Nieselregen auf, aber das Wetter war uns dann doch hold. Bei ruhigem Wasser ruderten wir entlang der steilen Klingenberger Weinberge, berühmt wegen ihres dort wachsenden „Klingenberger Roten“, und der unterfränkischen Mainstädtchen mit ihren roten Sandsteinhäusern bis zur Mittagsrast in Großwallstadt. Nachdem wir die abenteuerliche Anlandung – siehe oben – überstanden hatten, kehrten wir im „Ochsen“ ein, wo manche RKs Portionen verdrückten, deren Größe umgekehrt proportional zur Zahl der geruderten Kilometer war.

Die Anlegestelle gegen Spätnachmittag in Stockstadt hätte jedem Tatort-Krimi als Handlungsumfeld höchste Spannung verliehen: Stumpfe Betonrampen, stillstehende Riesenkräne, hoch aufgeschüttete Kohlenhalden, Schotterpisten, eben trostloses Gefilde.

Und in dieses Umfeld tuckerten zwei alte Traktoren heran, 40 und 60 Jahre alt mit jeweils einem Anhänger, auf dem Biertischgarnituren montiert waren, und mit Kästen jeglicher Art von Bier, sorgsam gekühlt durch Eisbrocken. Und einige RKs, besonders Erwin, hatten schon Bedenken erhoben, sie müssten die Paar Kilometer bis zum „Brößler“ noch laufen. Peter Brößler und sein Freund Kliem – sogar weitläufig verwandt mit Jochem – tuckerten uns dann gemächlich durch das industriell geprägte Stockstadt. Dass Peter Brößler eine hohe Prominenz in seinem Heimatort besitzt, merkte man schon daran, dass er aus dem Grüßen und fröhlichem Winken in Richtung seiner Stockstädter gar nicht heraus kam. „Alle Welt“ kennt ihn.

Wir fuhren nicht auf direktem Weg zum Hotel. Richard, der dies alles zu unserem Wohle und Nutzen zusammen mit Peter ausgeheckt hatte, plante speziell für seinen Freund Schimmel noch eine Sondertour: Er wollte Schimmel zeigen, dass Stockstadt doch schöner ist als gedacht. Daher führte er uns „hinter die Fichte“, sprich auf einer Treckerrundtour durch den Stockstädter Wald. Er wollte Schimmel doch beweisen: Stockstadt ist „sooo schön“! Aber beim Ablegen vom Stockstädter Ufer am nächsten Morgen - vor dem Hintergrund der hohen rauchenden Schornsteine und der riesigen Front der Industriekomplexe - lautete Schimmels Kommentar nur: „Net für geschenkt….“.

Doch zurück zum Abend beim „Brößler“. Bei gutem Essen, Bier und Wein wurden zusammen mit der durch Richard eingeladenen Prominenz in Person von RK Wolfgang Dillmann, dem merklich ruhiger geworden Altbürgermeister Schaffrath alte Erinnerungen ausgetauscht. Außerdem stieß an diesem Abend Jörg Herudek für die kommenden Tage zu uns. Jörg, Bertram und Jan waren sowieso unsere RKs, die das Durchschnittsalter unserer Gruppe deutlich drückten und für so manchen mitzogen.

Beeinträchtigt wurde der Aufenthalt ein wenig durch das laute Vorbeirattern von Güterzügen. Laut Peter Brößler sind es bis zu 150 Güterzüge pro Tag, welche die Anwohner Stockstadts Tag und jede Nacht ertragen müssen. Ein „zumutbares“ Opfer, welches diese Menschen für das Funktionieren unserer Wirtschaft akzeptieren müssen? Aber diese Lärmquelle war nicht die einzige, die uns auf dieser Wanderfahrt durch die Region des Untermains bis zur Mündung aufhorchen ließ.

Das vielfältige Frühstück am nächsten Morgen entschädigte uns wieder etwas; das Aufbauen dieses Büffets muss wohl länger gedauert haben als das Frühstück so manchen Gastes. Allein angesichts des Frühstücks wurde klar, dass Peter Brößler und seine Frau mit Leib und Seele Gastronomen sind, die sich mitfreuen, wenn es ihren Gästen gut geht. Danke für den Aufenthalt bei euch!

Nach dem opulenten Frühstück ruderten wir mit frischer Kraft bis zu unserer Mittagsrast auf der Terrasse der HRG, da unsere Gaststätte leider gerade eine Betriebspause hatte. Nachdem wir die Boote auf dem Rasen der HRG gelagert hatten, bemerkte eine junge Ruderin von der HRG: „Na, weit seid ihr aber nicht gekommen!“. Wir mussten durch eine Erklärung unsere Ehre retten!

Am Nachmittag gelangten wir schnell zu der Anlegepritsche des Bürgeler Rudervereins. Dessen Vorstand hatte extra mit einem weiß-roten Absperrband und einem Vermerk „Für die Boote der Hassia v. 25. bis. 26. Mai“ für uns einen Lagerplatz auf dem Vereinsrasen reserviert. Dank dem dortigen Vorstand für diese Fürsorglichkeit.

Freitagabend : Kameradschaftsabend. Die RKs Richard und Wolfgang Dillmann waren wieder extra angereist, um diesen verheißungsvollen und durch viele Mythen aus der Vergangenheit verklärten Traditionsabend mitzuerleben. Ebenso hatte sich Dieter Schäfftlein, der wegen Grippe die Teilnahme kurzfristig hatte absagen müssen, wieder aufgerafft, um anwesend zu sein. Er hatte immerhin wieder die Kraft, uns ein Ständchen zu bringen bzw. uns sehr energisch zum Mitsingen zu motivieren. Der erste Teil war wohl inspiriert vom durchlittenen Grippefieber: „Brennend heißer…“ Der Refrain weniger passend: „So schön, so schön war die Zeit…“ Wie dem auch sei: Gute Besserung!

Höhepunkt war die Fotoschau von Fredy, eine Sammlung von Eindrücken aus den letzen 15 Wanderfahrten, insbesondere von zunehmender Faltenbildung in Gesichtern und Straffungen der Trikots im Bauch- und Pobereich .

An dem Abend wurde übrigens auch die nächste Wanderfahrt beschlossen: mit 10 zu 8 bei 21 anwesenden Ruderkameraden!
Die Weser ist ein langer, schnell fließender, manchmal wasserarmer und in den Uferregionen gastronomisch gesehen eher frugaler deutscher Fluss, der letztmals vor vielen Jahren von uns befahren wurde.

Am Samstagmorgen ging es bei bestem Wetter weiter Richtung Griesheim. Es muss mal gesagt werden: Das so nah gelegene Offenbacher Wetteramt war uns trotz oder gerade wegen so vieler fehlerhaften Prognose während der Tour wohlgesonnen. Ob sie wohl bemerkt hatten, dass wir ihnen so auf den Fersen waren?

Die Passage durch Frankfurt war auf dem hippeligen Wasser des durch viele Motorboote durchpflügten Mains nicht das größte Vergnügen. Aber Ruderer sind so tolerant wie einige Motorbootkapitäne unsportlich sind.

Das Wiederzusammenfinden des Landkommandos und der aktiv rudernden RKs im Bootshaus des Griesheimer Ruderclubs am Mittag gestaltete sich etwas schwierig. Fehlender Navi, nicht vorhandene Straßenpläne dieser Gegend, ein Auto mit fast leerem Tank und ungenaue Absprachen über den vereinbarten Treffpunkt führten dazu , dass ein Landkommando-Mitglied erst Schwierigkeiten hatte, die Schleuse anzufahren und dann mitten auf dem Schleusensteg in der prallen Mittags-Sonne wartete, während die Rudertruppe und der andere Teil des Landkommandos bereits den Mittagsimbiss im Schatten genossen. Aber vielleicht waren es auch die Folgen des überstandenen Kameradschaftsabends.

Nach der Mittagsrast ruderten wir entlang der Industrieanlagen des ehemaligen Höchster Werksgeländes bis zu dem ehemals berühmten Flörsheimer Ruderverein mit seinem gemütlichen Bootshaus. Mitten zwischen den vielen lebhaften jungen Menschen fanden wir auf der schönen Terrasse zur Ausgeglichenheit nach einem langen Rudertag.

Einige hielten es dort auch bis in die Nacht hinein aus und konnten mithören und -sehen, wie das sowieso schon tagsüber arg vom sehr nahen Flughafen betroffene Flörsheim auch noch nach 23 Uhr - bis beinahe 24 Uhr - von 16 tief fliegenden Flugzeugen traktiert wurde. Business as usual?

Wieder bei sonnigem und heißem Wetter wurden am Sonntagmorgen „die schwarze Null“ des Mains an der Mündung passiert, bei Ruderpausen dass schöne Panorama von Mainz bestaunt und bei sehr bewegtem Rheinwasser bald das nahe Biebrich erreicht, wo eine wieder bequeme Pritsche das Aussteigen erlaubte, nachdem ein störrischer Motorbootkapitän mit seinem Protzboot endlich den Steg nach mehrfacher Aufforderung freimachte. Jörg Herudek und Richard transportierten uns nach der Verabschiedung von unseren Magdeburger Ruderkameraden gekonnt samt Booten zurück nach Hanau. Nochmals Dank an die Organisatoren und die Umdeuter von „unten und oben“. Es war eine schöne Wanderfahrt und die Weser grüßt schon heute.